Donnerstag, 22. März 2012

Die vergessene Burg der Heiligen Elisabeth in Marburg



In den letzten Tagen ist ein Vorbericht zu meiner Doktorarbeit in der „Hessischen Heimat“ erschienen. In diesem Beitrag diskutiere ich die die wesentlichen Befunde aus der Zeit vor 1235 auf diesem Siedlungsplatz. Ich stelle die These auf, dass auf dem Gelände der Elisabethkirche im Hohen Mittelalter eine Niederungsburg stand, die der Heiligen Elisabeth nach dem Tod ihres Mannes als Wohnsitz diente. 
Plan der sicher zur Befestigung gehörenden Befunde (M. Platz)


Zunächst erläutere ich den mächtigen Turm im Westen des Vorgängerbaus der Elisabethkirche. Der Turm ist nach meinen Erkenntnissen wohl älter als der sich östlich anschließende Saalbau. Danach gehe ich genauer auf die Befunde südlich der Elisabethkirche ein, die in dem Übersichtsplan abgebildet sind (Abbildungsplan 3-5). Wir sehen dort eine nord-süd-verlaufende Mauer mit einem vorgelagertem Graben und schmale Steinfundamente, die wohl zu Fachwerkhäusern gehören.
Hier nun der letzte zusammenfassende Absatz des Artikels:

„In der früheren Forschung ist man davon ausgegangen, dass Elisabeth von Thüringen ihr Hospital  Fachwerk und auf unbebautem Grund errichten ließ. Dieses kann nun durch die Befunde der Grabungen 2006 bis 2009 ausgeschlossen werden. /…/ Der Vorgängerbau der Elisabethkirche ist ein älterer Turm, der zunächst frei stand, das lässt die Fundamentierung der Eckverquaderung vermuten, und an dem später ein Saalbau mit halbrunder Apside angefügt wurde. Ob die Apside später angebaut wurde oder zeitgleich mit dem Saalbau ist, kann die Autorin nicht beurteilen.
Beim jetzigen Stand der Auswertung kann festgestellt werden, dass es sich bei der Vorgängerbebauung um eine Befestigungsanlage mit Wehrmauer und Graben gehandelt haben könnte. Die Keramik der ältesten Schichten datiert die Anlage nach dem bisherigen Stand der Auswertung in das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts. In dieser Zeit haben die Landgrafen von Thüringen begonnen, Marburg auszubauen. Elisabeth von Thüringen wurden Güter in Marburg zur lebenslangen Nutzung übergeben. Dabei steht zu vermuten, dass es sich bei diesen Gütern nicht um einen Bauernhof gehandelt haben dürfte, geschweige denn um ein unbebautes Grundstück, da Elisabeth, wie oben ausgeführt, zur Spitze des europäischen Hochadels gehörte und ihr wahrscheinlich eine standesgemäße Wohnstätte überlassen wurde. Die Burg auf dem Berg konnten oder wollten die Landgrafen von Thüringen ihr nicht als Witwensitz überlassen. Über die Gründe dafür kann man nur spekulieren. Es blieb also die Niederungsburg, das heißt die mit Mauer und Graben befestigte Anlage mit mächtigem Turm und Saalbau, die Elisabeth als standesgemäßer Wohnsitz zugestanden wurde.
Zu diskutieren wäre, wann der Saalbau mit halbrunder Apside an den Turm angebaut wurde, daran schlösse sich die Frage seiner ursprünglichen Funktion an. Wenn der Saal vor der Ankunft Elisabeths 1228 errichtet wurde, gehörte er zu der vermuteten Burganlage und wäre als Wohn- und Saalbau zu interpretieren, in dem Elisabeth ihr Hospital einrichtete und dem Heiligen Franziskus weihen ließ. Das hieße in der Konsequenz, dass wir hier eine Burganlage vor uns hätten, deren Zentrum eine über 30m lange Gebäudegruppe aus Wohnturm, Saal und Burgkapelle darstellte.
Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die junge Witwe den Saal nach ihrem Eintreffen in Marburg bauen ließ und direkt als Krankensaal mit Kapelle konzipiert hat. In diesem Fall hätten wir in der Marburger Niederung eine Burganlage mit Wohnturm, der als repräsentativer Wirtschaftshof bezeichnet werden kann,/…/  


M. M. Platz, Die vergessene Burg der Heiligen Elisabeth. Neue Betrachtungen über die Vorbebauung der Elisabethkirche in Marburg, in: Hessische Heimat 2/3 2011, 2012, S. 77-81

Die Hessische Heimat ist das Publikationsorgan der Gesellschaft für Kultur- undDenkmalpflege , Hessischer Heimatbund e.V.

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