Dienstag, 10. April 2012

Die Zukunft für Doktoranden der Archäologie

Junge Archäologen teilen ihr Schicksal mit anderen Akademikergruppen wie Historikern, Geografen oder Politologen. Nach einer extrem langen Qualifikationszeit wartet auf einige wenige ein fester Posten, für andere eine Zukunft als Freiberufler oder das Prekariat.

Ich bin Doktorand. Wenn man mit einem Doktoranden spricht, dann endet das Gespräch häufig mit einem ernst gemeinten: Viel Erfolg für die Zukunft. Doch wie sieht die Zukunft aus? Mhmm… so richtig konkret ist das natürlich nicht vorauszusagen, aber werfen wir einen Blick auf den Arbeitsmarkt für Archäologen, dann können wir vielleicht eine Prognose wagen.
Als Spiegel des Arbeitsmarktes sind erst mal Stellengesuche in der Presse oder einschlägigen Portalen wie die Jobbörse des Deutschen Museumsbundes oder des DarV anzusehen. Die Arbeitsagentur lassen wir mal beiseite. Was man dort findet ist desillusionierend: Promotionsstipendien, Volontariate, befristete Stellen irgendwo, aber garantiert nicht in der Nähe und Leitungsposten, bei denen einschlägige Berufserfahrung vorausgesetzt wird. Gut, die Leitungsposten und die Promotionsstipendien fallen schon mal aus der Betrachtung, bleiben noch die Volontariate und die befristeten Stellen. Die Promotion wird meistens vorausgesetzt.

Volontariate

Man findet zwei Arten von Volontariaten: bei einem Landesamt für Denkmalpflege oder bei einem Museum. Die meisten Bundesländer unterhalten  ein Landesamt, dass je nach Landesgesetz beratende Funktion oder Entscheidungsbefugnis bei Bodeneingriffen verschiedener Art hat. Archäologen arbeiten dort als Verwaltungsbeamte. Sie halten den Überblick über die Bodendenkmäler  in ihrem zuständigen Bezirk und entscheiden bei Baumaßnahmen über die Ausgrabung oder Unterschutzstellung. Wenn man es mit dem Volontär gut meint, wird er in die Verfahrensabläufe und in die Arbeit der unterschiedlichen Abteilungen eingeführt, um ihn auf eine Zukunft in einem solchen Amt vorzubereiten. Wenn man es nicht gut mit ihm meint, darf er monatelang Ortsakten in Datenbanken eingeben und Dias digitalisieren, schließlich gibt es ja keine Zivis mehr. Archäologen arbeiten auch bei den Unteren Denkmalschutzbehörden in den Kommunen oder  Bezirken. Volontariate werden dort meist keine ausgeschrieben.
In einem Museum ist ein Volontariat meist an eine  bestimmte Abteilung und/ oder an ein Ausstellungsprojekt gebunden. Wenn man es mit dem Volontär gut meint, wird ihm überall Einblick gewährt und vielleicht kleinere Verantwortung  übertragen, wenn nicht dann nicht.
Volontariate sehen in der Regel keine Aussicht auf Weiterbeschäftigung vor. Sie sind eine Art der Qualifizierung.

Beschäftigung an der Universität

Die Arbeitssituation für Wissenschaftler an den Universitäten ist die wohl schwierigste. Der akademische Nachwuchs, so werden in der Regel alle bezeichnet, die unter 50 sind und keinen Lehrstuhl haben, arbeitet an einem Lehrstuhl entweder als Akademischer Rat auf Zeit, früher wissenschaftlicher Assistent oder sind über Drittmittel projektbezogen angestellt. In der Lehre arbeiten aber noch sogenannte Lehrbeauftragte. Lehrbeauftragte sind keine Angestellten der Universität sondern sind Selbstständige. Ursprünglich war es gedacht, dass Akademiker, die irgendwo angestellt sind, das Lehrprogramm ergänzen, dafür bekommen sie ein Aufwandentschädigung, die zwischen 800 und 1200€ pro Semester liegt. Inzwischen ist es so, dass nach Schätzungen der GEW etwa 25% der Lehre von Lehrbeauftragten  getragen wird. Diese sind häufig nicht regulär außerhalb der Universität angestellt, sondern sind auf diese Aufwandentschädigung angewiesen. Das betrifft nicht nur die Archäologie sondern fast alle Fächer an deutschen Universitäten.  Das hat dazu geführt, dass viele gutausgebildete Archäologen unter prekären Bedingungen leben und einen für einen Teil ihrer Arbeit nicht bezahlt werden. Eine Zukunft, die man niemanden wünscht.

Arbeit als Freiberufler und in der freien Wirtschaft

Archäologen gehören wie Architekten, Journalisten und Künstler zu den freien Berufen. Das heißt sie können auf Auftragsbasis arbeiten, ohne einen Gewerbe anmelden zu müssen. Viele Archäologen leiten Rettungsgrabungen und führen baubegleitende Untersuchungen durch. Je nach Bundesland sind sie dabei bei einer Grabungsfirma oder befristet bei einer Behörde angestellt. Die meisten Archäologen arbeiten befristet für unterschiedliche Auftraggeber: sie führen Recherchen durch, erstellen Infotafeln, werten Grabungen aus, erstellen Ausstellungskonzepte für kleinere Museen usw. Manch einer  hat sich spezialisiert und arbeitet im IT-Bereich: 3D Visualisierung, alle möglichen Formen von Prospektionen, Datenbanken, Programmentwicklung usw.
Die meisten  Archäologen sind Freiberufler, viele davon unfreiwillig. Sie teilen damit das Schicksal vieler Akademiker in Deutschland.

So und nun zum Anfang des Artikels: Ich bin Doktorand und wage lieber keine Prognose für die Zukunft. Uns jungen Archäologen in Deutschland bleibt, optimistisch sein und zu schauen, was die Zukunft bringt.


Nachtrag 15.4.2012: 
Weiterführende Links:


Ein lesenswerter Blogpost von Reiner Schreg auf Archaeologik zum Thema: 

Kommentare:

  1. Deprimierend und leider viel zu wahr!
    Auch von mir viel Erfolg!

    Gruß Björn

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  2. Ja, man muss der Wahrheit ins Auge blicken! Alle brauchen oder benutzen die Archäologie (Tourismus, Geschichtsbücher, jede Gemeinde, Dorf, Museum usw. usw.) aber kaum einer will für die Arbeit oder Informationen zahlen und wenn, dann so gering wie möglich. Selbst die Gewerkschaft hat mit der Einführung der TVL-Ö (vorher BAT) eine versteckte Lohnsenkung eingeführt: Bezahlung nach geleisteten Dienstjahren, nur wird z.B. unterschieden zwischen praktischer und theoretischer Archäologie. D.h. war man vorher am Museum, zählt die Zeit nicht im Denkmalamt oder Uni, oder die Zeit als Projektleiter für ein Denkmalamt wird nicht bei der Einstufung angerechnet bei einem Job als Projektleiter an einer Universität..... Man kann sich drehen und wenden wie man will. Und das betrifft übrigens nicht nur MA und Dr, sondern auch PD´s. Also daran liegt es nicht, sondern unsere Arbeit wird einfach nicht wirklich anerkennt. Wir sind halt so ein paar Spinner, die das doch eigentlich aus Spaß machen.... Ich liebe meinen Beruf und was zu Essen gibt´s zur Not auch bei den Verwandten...
    Nicht verzagen! Annette

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  3. Das Problem der Berfusarchäologie ist m.E. nach aber auch - wie bei vielen anderen Gruppen schlecht in der "Arbeitswelt" darstehender Akademikerberufe übrigens- der Mangelnde Wille, sich in Interessens-verbänden bzw. mit Hilfe der Gewerkschaften zu organisieren. Hier in Bayern gibt es ja mitterweile einige Grabungsfirmen, über die auch das Land Aufträge "outsourced" und so die Kosten senkt. Hier werden zT promovierte Fachgkräfte zu 11€ Bruttostundenlohn angestellt und freuen sich auch noch über dieses Gehalt!
    Versuche, einige Kollegen für einen Gewerkschaftsbeitritt zu gewinnen scheitern an der Angst vor Jobverlust leider sehr schnell. Dabei würde zB die IG BAU sich sofort für eine Lohnrunde gewinnen lassen, würden eben nur genügend Archäologen nicht mit demütig gesenktem Haupt am Profil sitzen bleiben, sondern die Thematik offen/öffentlich und koordiniert angehen. Klar würde da nicht gleich TV-L 13 für jeden Schnittleiter herauskommen - aber ein Gehalt, das für eine harte 40 Stundenwoche an Arbeit dann auch angemessen ist, sollte doch drin sein. Die Kosten trügen ja letztlich auch nicht die Firmeninhaber, sondern es wäre allen Beteiligten (Bauherren, Denkmalämter, Kommunen) klar, welche Summe an Lohnkosten ein Projekt dann umfasst.
    Dies würde auch gleichzeitig die unsägliche Sitte der Ausschreibungen von Amtsseite eindämmen, da das Lohnniveau letztlich festgelegt wäre. Schlupflöcher wie ungelernte Hilfs- oder Leiharbeiter (ja, auch solche habe ich auf der Fläche schon mehrmals beim Schnitt anlegen und Fundverwalten "bewundern" dürfen) sollten eigentlich jetzt schon nicht vorkommen.
    In diesem Bereich aber haben viele und gerade geisteswissenschaftliche Berufe offenbar noch einiges von den Männern und Frauen im Metallerbereich und Handwerk zu lernen; das jetzige Lohniveau in vielen handwerklichen Berufen oder auch der Automobilbranche haben die entsprechenden Angestellten eben zu einem nicht unerheblichen Teil durch die jeweiligen Gewerkschaften erkämpft.
    Das sollte für die Archäologie und Geisteswissenschaften doch ebenfalls im Rahmen des machbaren sein.

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