Sonntag, 13. Mai 2012

Mittelalterliche Keramik-Warenarten in Marburg - Ein Werkstattbericht

Die Aufarbeitung der Kleinfundbestände bei einer archäologischen Auswertung ist langwierig und meist langweilig. Langmut und langer Atem sind nützlich. Noch nützlicher sind Systematik und ein Blick fürs Wesentliche.

Am Anfang stand ich vor hunderten von Pappkartons mit Keramik, Knochen, Eisenfragmenten, Werksteinen usw. Was macht man damit? Man macht jede Kiste auf und schaut hinein. Man macht sich ein Bild vom Inhalt.

Sortierungsarbeiten im Marburger Schloß (August 2011) Foto: Maxi Platz

Die meisten Funde sind Keramikscherben. Bei Grabungen in mittelalterlichen Stadtkernen sind es nicht selten tausende von Scherben und da man die nicht alle einzeln zeichnen und beschreiben kann, werden Kategorien gebildet. Eine Kategorie ist die Warenart, eine zweite ist die Randform, Bodenform oder Angarnierung (Henkel, Tüllen etc.).
Jetzt geht es um Warenarten. Die Warenarten beschreiben die Spuren des Herstellungsprozesses am Scherben, den Ton und seine Magerungsbestandteile. Keramik war im Mittelalter kein Produkt der häuslichen Arbeit, sondern wurde von spezialisierten Handwerkern produziert, die ihr Wissen von Generation zu Generation weitergaben. In Marburg und auch anderswo bezogen sie den Ton aus Gruben ganz in der Nähe und verwendeten altbewährte Techniken.
Techniken und Tonbezugsquellen änderten sich im Laufe der Zeit und auch der Geschmack der Kundschaft an Form und Farbe der Töpferware. Das bedeutet, dass sich die Keramik in Machart und Form in einer Zeit ähnelt und sich ein Topf aus dem 13. Jahrhundert von einem aus dem 15. Jahrhundert unterscheidet.
Beim Durchschauen der Pappkartons stellt man sehr schnell fest, dass sich die Scherben unterschiedlicher Komplexe ähneln und man nach Ähnlichkeit sortieren kann.
Als ich die ersten Komplexe sortiert hatte, begann ich die Scherben nach etablierten Kriterien zu beschreiben: Drehscheibenware oder handaufgebaute Ware? Oxidierend oder reduzierend gebrannt (mit und ohne Sauerstoffzufuhr)? Magerung (Tonzuschlag)? Eine mögliche Engobe oder Glasur?

Ich hielt es für wichtig einen Scherben von vorn und im Bruch stellvertretend für jede Warenart in Farbe abzubilden, so kann jeder die Beschreibung so gut es geht nachvollziehen.

So sieht z.B. die Beschreibung der Warenart 1a1 aus:


Oxidierend gebrannte, rauwandige Drehscheibenware mit kantigem Sand gemagert. Keramik ist nach dem Brand weiß. Vereinzelt kann der Scherben einen leicht rosa Schimmer haben. Magerungsbestandteile in der Masse unter einem halben Millimeter vereinzelt aber auch größere Sandkörner bis zu 4mm. Magerung drückt durch die Oberfläche durch und einzelne Magerungspartikel sind dunkelbraun bis schwarz, andere rötlich evtl. Keramikgrus. Der Scherben ist schiefrig im Bruch.










Die Beschreibung für Warenart 1a3 sieht so aus:


Oxidierend gebrannte, rauwandige Drehscheibenware mit kantigem Sand gemagert. Keramik ist nach dem Brand weiß. Vereinzelt kann der Scherben einen leicht rosa Schimmer haben. Magerungsbestandteile in der Masse unter einem halben Millimeter vereinzelt aber auch größere Sandkörner bis zu 4mm. Magerung drückt durch die Oberfläche durch und einzelne Magerungspartikel sind dunkelbraun bis schwarz, andere rötlich evtl. Keramikgrus. Der Scherben ist schiefrig im Bruch und ist außen rot bis rosa engobiert.

Wie man unschwer erkennen kann ist Warenart 1a3 eine engobierte Variante von 1a1 und gehört zur Warenart 1.









Die Warenart 4a unterscheidet sich von Warenart 1 und sieht so aus:


Reduzierend gebrannte, rauwandige Drehscheibenware mit kantigem, hellem bis weißlichem Sand gemagert. Keramik ist nach dem Brand braun bis grau.  Magerungsbestandteile in der Masse unter einem halben Millimeter aber auch deutlich größere Magerungspartikel. Magerung drückt nicht durch die Oberfläche durch, sondern ist mit Ton überzogen.





Fotos und Bearbeitung: Maxi Platz

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