Samstag, 30. Juni 2012

Verursacherprinzip und dann.... - Ein Rückblick auf die erste Archäologendemo in Düsseldorf


In Düsseldorf fand letzten Freitag, den 29.6.2012, Deutschlands erste Archäologen-Demonstration statt. Anlass dazu gab ein Urteil des Oberverwaltungsgerichtes NRW, dass die Praxis des Verursacherprinzips in der archäologischen Denkmalpflege in NRW  kippte. Mehr dazu hier.

Die Demonstrierenden versammelten sich um 10 Uhr vor dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Etwa eine Stunde später ging der Demo-Zug dann in Richtung Landtag los. In der Zwischenzeit wurden eilig Unterschriften für eine Petition gesammelt, die am Ende am Landtag übergeben werden sollten.  Angeführt wurde der Zug von einem Mini-Bagger auf einem Anhänger. Ein Hingucker. Vorbereitet waren viele, viele Schilder mit Aufschriften wie: „Jäger der verlorenen Arbeitsplätze“ oder „Neandertaler sind schon mal auf der Strecke geblieben“.
Der Zug endete am Düsseldorfer Landtag vor einem Absperrband auf der Wiese.
Nach einer kurzen Ansprache wurde die Petition an einen Mitarbeiter des Landtages übergeben.  Eine Kamera des WDR filmte das.
Hört sich an wie eine ganz normale Demo irgendwo in Deutschland. Das besondere: es war das erste Mal dass Archäologen für ihre Sache demonstriert haben. Aufgerufen dazu hat die IG Archäologie NRW, eine lose Vereinigung von ein paar Grabungsfirmen. Sie sind keine eingetragene IG, vertreten also offiziell auch niemanden.  Unter der Hand haben viele nicht damit gerechnet, dass sie etwa 130 Leute auf die Straße bringen. Das ist bemerkenswert und ein Anfang. Ein Anfang für ein stärkeres öffentliches Engagement von Archäologen in der Öffentlichkeit.
In diesem Zusammenhang muss ich aber auch schreiben, dass der Zeitpunkt der Demo nicht glücklich war. Die Landtagswahl in NRW ist gerade wenige Wochen her. Die Abgeordneten haben ihre Büros teilweise noch nicht fertig bezogen, die Tinte unter den Verträgen ihrer Mitarbeiter ist noch frisch. Die Sommerpause ist auch nicht mehr weit.
Zudem kommt, dass in dem Koalitionsvertrag die Absicht, ein Veranlasserprinzip festzuschreiben, enthalten ist. Ja, es ist eine Absichtserklärung, aber mehr ist zu diesem Zeitpunkt der Regierungsarbeit realistisch auch nicht zu erwarten.
Mehr dazu bei Archaeologik von Dr. Rainer Schreg und der Kommentar Prof. Dr. Sigmunds auf der Seite der DGUF.
Das beabsichtigte Verursacherprinzip deckt die Kosten für die Ausgrabung, die Dokumentation, das Waschen, Beschriften und Abtüten der Funde und einen Bericht. Die Aufarbeitung und die Publikation ist finanziell nicht abgedeckt. Wenn ausgewertet und publiziert wird, dann ohne Bezahlung nach Feierabend, oder die Auswertungen werden im Rahmen von Examensarbeiten an der Universität durchgeführt.

Es gibt in Deutschland einheitliche Richtlinien vom Verband der Landesarchäologen, wie eine solche Ausgrabung überhaupt aussehen soll. Aber sie gibt nicht auf alle Fragen Antworten. Sollen Mauerkronendraufsichten gezeichnet werden oder nicht? Reicht ein Foto bei Erdbefunden oder ersetzt ein 3D-Scan die zeichnerische Doku vollständig? Der technische  Fortschritt hält auf der Grabung Einzug und die teilweise unterbesetzen, technisch häufig überforderten Mitarbeiter der oberen und unteren Denkmalbehörden und Fachämter müssen Schritt halten.
Denkmalpflege ist Ländersache und so gibt es zusätzlich noch 16 verschiedene Richtlinien von einem kryptischen Stellenkartensystem im Rheinland bis hin zu praktisch nicht vorhanden in Hessen. Somit sind die Grabungsdokumentationen in ihren Grundzügen deutschlandweit alles andere als einheitlich. Für die Qualität der Grabungen sind die Fachämter bzw. die Landschaftsverbände zuständig. Aber diese sind vom Spardruck der Länder in den letzten 10 Jahren nicht verschont geblieben. In kaum einer Behörde ist noch ein/e technische/r ZeichnerIn angestellt, geschweige denn ein/e NumismatikerIn.
Wichtige Fragen müssen gestellt werden: Wie wird dem archäologischen Nachwuchs eine familiengerechte und planungssichere Perspektive gegeben? Welche Möglichkeiten nutzen die Archäologen, den Arbeitsmarkt mitzugestalten?

Diese Demo sollte ein Anlass sein, darüber nachzudenken wie es weitergehen soll mit der Archäologie und der praktischen Bodendenkmalpflege. Gefragt ist hier weniger die Politik als die Archäologen selbst  und zwar mit Nachdruck und wenn möglich in der Öffentlichkeit.



Impressionen von der Demo am 29.6.2012 in Düsseldorf. Diese Bilder sind alle von mir aufgenommen worden und die Bildrechte liegen ausschließlich bei mir. Eine Verwendung durch Dritte bedarf meiner Zustimmung.





Für den Erhalt von Arbeitsplätzen (Foto: Maxi Platz) (Demonstration Verursacheprinzip Düsseldorf 29.6.2012)




Der Zug läuft durch Düsseldorf (Foto: Maxi Platz) (Demonstration Verursacheprinzip Düsseldorf 29.6.2012)



Der Zug läuft durch Düsseldorf (Foto: Maxi Platz) (Demonstration Verursacheprinzip Düsseldorf 29.6.2012)



Vornedran der Minibagger der Grabungsfirma Fundort - Büro für Archäologie (Foto: Maxi Platz) (Demonstration Verursacheprinzip Düsseldorf 29.6.2012)



Jäger der verlorenen Arbeitsplätze? (Foto: Maxi Platz) (Demonstration Verursacheprinzip Düsseldorf 29.6.2012)





Auf der Wiese vor dem Düsseldorfer Landtag (Foto: Maxi Platz) (Demonstration Verursacheprinzip Düsseldorf 29.6.2012)



Das Ende der ersten Archäologendemo Deutschlands (Foto: Maxi Platz) (Demonstration Verursacheprinzip Düsseldorf 29.6.2012)

Kommentare:

  1. Danke für Ihren Beitrag. Der Zeitpunkt der Demonstration hatte ursächlich damit zu tun, daß wir Grabungsfirmen / Freie Archäologen nicht warten können. Die Auftragspipeline ist jetzt leer und Grabungsfirmen können nicht ein Jahr oder länger ohne Arbeit überleben.
    Mit freundlichem Gruß

    Rut Wirtz

    P.S. Das Gespann mit dem Bagger stammt von der Firma Fundort - Büro für Archäologie.

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  2. Das Urteil ist vom Herbst 2011, der Landtag hat sich im März 2012 aufgelöst. Jetzt muss der Landtag seine Arbeit erst aufnehmen, dann ist Sommerpause. Ich kann es nicht ändern.
    Dass eine Gruppe Grabungsfirmen so eine wirklich gute Demo überhaupt zustande bekommen hat ist bemerkenswert.
    Zu demonstrieren wenn die Auftragspipline leer ist, war vielleicht etwas spät. Die Sachlage wurde von der Koalition erkannt und es steht im Koalitionsvertrag. Jetzt heißt es Sommerpause abwarten. Ich kann da nichts dafür. Die Herkunft des Baggers habe ich korrigiert.
    Beste Grüße,
    Maxi Platz

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  3. Es ist schön zu sehen, dass die von der IG Archäologie NRW organisierte Demonstration eine breite Resonanz in der Fachwelt findet.

    Die „lose Vereinigung von ein paar Grabungsfirmen“ wird von nahezu allen in NRW ansässigen bzw. tätigen archäologischen Fachfirmen sowie zahlreichen freiberuflich tätigen Archäologen/innen und Techniker/innen unterstützt. Nähere Informationen dazu finden Sie auf unserer Facebookseite (http://www.facebook.com/IgArchaologieNrw) unter Info.
    Eine Interessensgemeinschaft ist ein Zusammenschluss, der als Gesellschaft des bürgerlichen Rechts (GbR) bezeichnet wird und bedarf als solcher keiner Eintragung.
    Aktuell wird innerhalb der IG diskutiert, ob es für die Vertretung der Interessen der Mitglieder sinnvoll ist sich in einer anderen Gesellschaftsform zu organisieren.


    Mit freundlichen Grüßen,

    H. Kampmann
    ABS Gesellschaft für Archäologische Baugrund-Sanierung mbH
    (Mitglied der IG Archäologie NRW)

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  4. Ich freue mich über solche Aktionen und auch über die IG Archäologie. Gerne wäre ich in meiner alten Heimat dabei gewesen um mit Euch für die Archäologie zu demonstrieren. Aber eine Anmerkung sei mir erlaubt: Es handelte sich hier weder um die erste, noch um die größte Demonstration von Archäologen. Spontan fallen mir da diverse medienwirksame Aktionen und Demonstrationen im Zusammenhang mit der Schließung des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin 2005 und 2006 ein. Gleiches gilt 2006 für eine Demonstration in Hamburg gegen die Schließung des dortigen Lehrstuhls. In Berlin haben die Proteste bekanntermaßen leider nichts gebracht und der Lehrstuhl wurde geschlossen. In Hamburg hingegen hat sich der Wind gedreht und die Ur- und Frühgeschichte ist dort wiederstärker etabliert.
    Ich hoffe, dass die Demo in Düsseldorf nicht ohne Auswirkung war und die neue Regierung ihre Absichtserklärung bald auch in die Tat umsetzt!
    Für ein Verursacherprinzip in NRW, für eine Archäologie in NRW!
    Mit solidarischen Grüßen aus Niedersachsen an meine alte Heimat,

    Nils Stadje

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  5. It's obviously a mess. Politically, German archaeologists seem to be somewhat naive. When we had the chance to fix the laws, no one bothered to do so, despite ratification of the Malta Charter at the Federal level. The multiplication of documentation systems makes the situation for archaeologists and "Techniker" much more complicated than in a more unified system like in the UK, where all documentation is now done more or less according to the "Single Context Planning" model (also now standard on rescue excavations in France, Spain, Italy, parts of Poland and the Czech Republic and soon Slovenia). The separation of tasks (Archäologe, Techniker, Grabungshelfer) also leads to the kind of "fragmentation" people like Ian Hodder and Gavin Lucas have been warning about. Except, instead of "fragmentation" at the level of analysis, the "Grabungshelfer" is unable to theorise "at the trowel's edge." As a result, undervalued excavation skills mean everyone is underpaid, with the pressure to drop wages even further.
    Overall, the VLA has been powerless or unwilling to do anything to change the situation, and archaeologists themselves seem to have been willing to discuss the interplay between politics and archaeology in the 3rd Reich, but not to learn the lessons and consider how politics affects archaeology today.
    Time to wake up.

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  6. Hmhm...kryptisches Stellenkartensystem...ich empfinde es ehrlich gesagt einfach zu nutzen, überschaubar und äußerst praktisch!

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  7. 1. 11.7.12 Def.(inition) einer Verf.(ärbung) in AB 3.... haha
    Klar ist megaeasy...aber nervig, da es keinen weiterführenden wissenschaftlichen Nutzen hat, außer die Kontrollfunktion auf teurerem, schwererem, platzintensiverem, zugegebenermaßen wetterbeständigeren Papier, dass eingemessen, fotografiert, gezeichnet und eingetütet wurde. Eine erste Verlinkung von Befunden bsp. von Pfostenlöchern während der Feldarbeit wird dort meines Wissens nicht immer praktiziert, so dass der Bearbeiter vor Pfostenlöchern und nicht vor bereits interpretierten Hausgrundrissen steht. Der Bearbeiter hat es freilich leicht: es sind keine wissenschaftlich wichtigen Informationen auf den ganzen Blättern, ganz zu schweigen von dem Wetterbericht im Tagebuch, enthalten. Wie das Stellenkartensymptom bei Gräberfeldern und bei Stadtgrabungen greift kann ich nicht beurteilen, bei Stadtgrabungen könnte ich mir vorstellen, dass meistens nichts bei rum kommt.

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  8. PS: und nur einseitig beschreibbar.

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